Ein einzigartiger Mordprozeß begann dieser Tage vor dem Kriminalgericht Melun (Frankreich). Die Angeklagten sind zwei junge Leute, die erst 17 Jahre alt waren, als einer von ihnen ihren Kameraden Allain Guyader am 8. Dezember 1948 durch einen Schuß in den Rücken tötete. In der französischen Presse, die jetzt seitenweise über den Mordprozeß berichtet, führt die Sache die Bezeichnung "L’Affaire des J 3". J 3 war das Kennzeichen der Lebensmittelkarten für Jugendliche in und nach dem Kriege.

In Wirklichkeit handelt es sich nicht um zwei, sondern um drei Jugendliche. Claude Panconi gab den tödlichen Schuß ab, sein Komplice war Bernard Petit, aber die dritte Person in der Tragödie, vielleicht die Hauptperson, war ein junges Mädchen namens Nicole Illy, die damals noch nicht 16 Jahre alt war und sich vor einem Jugendgerichtshof noch wird verantworten müssen.

Diese drei jungen Leute zusammen mit dem ermordeten Guyader bildeten eine merkwürdig romantische Gruppe, die einander und sich selbst ein tragisches Theater vorspielten, das schließlich blutig endigte. Allain war der große Abenteurer, Nicole war der Vamp und Bernard der eifersüchtige Liebhaber; Claude aber spielte die Rolle des korsikanischen Bluträchers gegen einen erfolgreichen Konkurrenten seines Freundes.

Der junge Guyader scheint in seiner Rolle sehr vollkommen gewesen zu sein. Den Kameraden erzählte er täglich von seinen Erfolgen auf dem schwarzen Markt, er wies zum Beispiel einen Koffer mit Kalk vor, den er als Kokain im Werte von Tausenden von Dollars ausgab, zeigte auch bündelweise Dollarnoten, die allerdings auf der anderen Seite von der Propagandaabteilung der deutschen Besatzungsmacht mit Schmähschriften gegen die Amerikaner bedruckt waren, kurz, er gebärdete sich als der Alleskönner, dem vor allem kein Betrag zu hoch war. Nicole wieder trat auf als die unwiderstehliche Beauté, machte reihum ihre Freunde eifersüchtig und tat sich schließlich mit Panconi und Petit gegen Guyader zusammen. 1948 beschlossen aller vier in Nordafrika ein Maquis zu gründen, sowie die Russen kämen. Ein russischer Oberst sollte gekidnappt und als Geisel in Gefangenschaft gehalten werden. Schließlich wurde Guyader ausersehen, die Waffen zu besorgen. Vorher bestellte man ihn zu einer "Generalstabsbesprechung" in einen Wald 25 km östlich von Paris. Seine Kameraden dachten, daß er die Dollars für den Waffenkauf bei sich haben würde. Als sie sich trafen, feuerte Panconi sofort auf Guyader. Im .Koffer waren aber keine Dollars, sondern nur 250 Francs (DM 3,–).

In der Verhandlung bemühte sich das Gericht, den psychologischen Hintergrund des Mordes aufzuklären. Panconi entpuppte sich als Autor von Gedichten. Petit bestritt im Verhör, auf Nicole eifersüchtig gewesen zu sein. Es scheint, daß das Kino und die fortgesetzte Propaganda der Maquis-Romantik zu der Verwirrung in den Köpfen der Jugendlichen beigetragen hat. F.