In der französischen Zone sieht es am bedenklichsten aus. Die Zerstörung der Uhrenindustrie in – Württemberg-Hohenzollern hat besonders peinliche Begleiterscheinungen. Hier wurden plötzlich 38 Werke Zusätzlich auf die Demontageliste gesetzt, weil man neuerdings nicht mehr 72 v. H., sondern nur noch 50 v. H. der Vorkriegskapazität als zukünftige Produktionsbasis gelten lassen will. Die Franzosen erklären, daß diese neue Demontage nicht Frankreich, sondern Großbritannien zugutekomme. Der Verband der britischen Uhrenindustrie flicht einem gewissen Mr. Barrett Lorbeerkränze, sie preist ihn als den Urheber dieser großen Tat im englisch-deutschen Konkurrenzkampf. Wer ist Mr. Barrett? Die britische Regierung kennt ihn nicht. Die britische Regierung weiß überhaupt nichts von irgendwelchen offiziellen Einwirkungen auf die französische Demontagepolitik. Inoffizielle Einflüsse also? Privatkapitalistische Einflüsse? Es wäre nicht das erstemal, daß an der Demontagepolitik nackte Konkurrenzinteressen beteiligt sind. Auch das ist eine besondere Form, Feindschaft an Stelle der Partnerschaft zu setzen. Es ist zudem eine besondere Form von Korruption.

In allen drei "Ländern" der französischen Zone werden neue Demontagelisten angekündigt. Man kann auch noch in anderen Industrien die Rechnungsgrundlage der Demontage abindern, woraufhin dann von einem Tag auf den andern weitere Betriebe "überzählig" werden. Aber gerade dieser Begriff der "Überzähligkeit" verdient eine genaue Überprüfung. Der grundlegende Irrtum des ersten wie des zweiten Industrieplans, mit denen das deutsche Produktionsniveau der Zukunft festgelegt wurde, bestand darin, daß man mit Mitteln einer toten Statistik die lebendige Entwicklung der deutschen Wirtschaft bestimmen wollte. Im Jahre 1948 ist bei uns überzählig, was wir, als Partner behandelt, im gesamteuropäischen Interesse nicht ausnützen können, nichts anderes. Dagegen ist nichts wirklich überzählig, was wir nur dann nicht verwerten. können, wenn wir nicht als Partner, sondern immer noch als Feind betrachtet und behandelt werden, ob nun das unfreundliche Mißtrauen mehr militärisch oder mehr konkurrenzwirtschaftlich gefärbt ist. Am wenigsten aber sind Fabrikanlagen deshalb überzählig, weil sie irgendeinen statistischen Prozentsatz der Produktion von 1936 übersteigen. 1936 gab es keine Trümmer, keine Vertriebenen, keine Oder-Neiße-Linie, keinen Eisernen Vorhang. Auf die europäische Zukunft kommt es an, nicht auf eine längst versunkene deutsche Vergangenheit. Von der Zukunft her gesehen, ist der zweite Industrieplan noch unzureichend, sowohl der Menge als der Art nach. Für einen europäischen Partner verliert auch der Begriff verbotener Friedensindustrien seinen Sinn. In der Hand eines Partners können Werften des Handelsschiffbaus, können Stickstoff, Gummi und synthetisches Benzin nicht gefährlich sein. So wenig gefährlich wie das kleine Helgoland. Es ware her nur folgerichtig, wenn mit der Demontagepolitik auch der Industrieplan mit seinen vielen verbotenen Industrien, mit seinen 75 v. H. der Kapazität von 1936 gründlich überprüft würde. Ohne das wird sich das Ziel, Deutschland innerhalb einer europäischen Gemeinschaft lebensfähig und von amerikanischer Hilfe unabhängig zu machen, niemals erreichen lassen.

In dem Wettrennen zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Partnerschaft und Feindschaft ist der Sieg noch ungewiß. Wir können ihn nicht: gewinnen. Aber zweierlei steht bei uns. Wir müssen unseren eigenen Willen zur europäischen Partnerschaft sichtbar machen. Und wir müssen, gerade aus diesem Grunde, in der Demontagefrage Unbeirrbar auf der Seite der Vernunft bleiben. Der Demontage-Stop ist eine europäische Notwendigkeit, nicht nur ein deutsches Anliegen.

Niemand in Deutschland kann es verantworten, an einer weiteren Zerstörung des deutschen Friedenspotentials mitzuwirken, kein Minister, kein Industrieller, kein Arbeiter. Wenn das den Rücktritt von Regierungen bedeutet, so ist es nicht zu ändern. Wenn es Arbeitsniederlegung bedeutet, so ist auch, das nicht zu ändern. Vor allem aber muß jeder, der die Möglichkeit hierzu besitzt, – amtlich oder publizistisch – die Unvernunft der Demontagepolitik, im ganzen und in jedem Einzelfall, bei den maßgebenden Stellen zur Sprache bringen. Wenn das auf dem Instanzenwege nicht zu Erfolgen führt, so darf auch der Instanzenweg kein letztes Gesetz sein. Vergessen wir nicht, daß die maßgebendste Stelle, die es überhaupt gibt, der Verwalter des Marshall-Plans, P. Hoffman, ist. Und es ist allerdings notwendig, daß er jede nur denkbare Information erhält, die ihm seine Entschließungen erleichtern konnte. Deutsche Stellen werden sich unmittelbar an ihn wenden müssen, so oft wie nötig und so freimütig wie möglich. Der Kampf für den Demontage-Stop ist ein guter Kampf. Einiges können auch wir zu ihm beitragen, im Zeichen der Vernunft und im Geiste echter Partnerschaft. Ernst Friedlaender