Von Elisabeth Langgässer

im Werk der zu Alzey (Rheinhessen) geborenen und in Berlin lebenden Elisabeth Langgässer wird noch einmal der reine Ackord der Menschlichkeit angeschlagen. Dabei nimmt die folgende Erzählung einen Ton auf, der schon in ihrem ersten Roman "Proserpina" erklang, für den die Dichterin 1932 der "Literaturpreis junger deutscher Staatsbürgerinnen" erhielt. – Es ist die Traumverwobenheit der Kindheit, die jenen Roman beseelte und die in unserer Erzählung mit einem zauberhaften Kontrapunkt des Erlebnissses eines Kindes und des Nacherlebens einer Mutter. aufs neue gestaltet wird. – Daß die Wiederbegegnung mit. Elisabeth Langgässer, die 1935 generelles, Schreibverbot erhalten hatte in hohem Maße Bereicherung bedeutet, hat bereits der bei Claassen & Goverts, Hamburg, im vorigen Jahre veröffentlichte "Das unauslöschliche Siegel" bewiesen. Die Geschichte "Das Labyrinth der Kinder" wird beim gleieben Verlag in einem Novellenband erscheinen.

Das kleine Mädchen kam in den Garten und hörte, wie aus der Küche, die nach der Straße ging, seine Mutter gewohnheitsmäßig und – unbewegt nach ihm rief. Sie rief stets das gleiche: "Geh nicht mehr fort wir essen im Augenblick!" Es trippelte ebenso unbewegt weiter und stieg die Gartentreppe mit den fünf Stufen hinauf; rechts und links standen hohe, verwilderte Rauten: Goldrauten, Rittersporn, Malven und blühender Eisenhut. Der Gartenweg von Staub überpudert, eine Grasnarbe, wie eine graugrüne Raupe mit stacheligem Buckel, zog sich auf ihm entlang. Das Kind ging die Grasnarbe ganz zu Ende bis zu dem Staketenzaun; die Staketen waren teils niedergebrochen, teils mit ein paar Drähten verspannt. Diese Drähte wann mehr, ein Symbol als etwas Wirkliches, sie hielten weder die Feldkaninchen noch die Gewohnheitsdiebe, die Schulkinder oder die Männer ab, die man früher "Lumpen" genannt haben würde – jetzt hatte man andere Namen für-sie, aber auch keine besseren.

Zwischen den morschen Holzstaketen standen, sehr groß und prächtig geraten, einige Mohnpflanzen, die sich selber auf der Grenze von Garten und Niemandsland ohne Menschenhand ausgesät hatten: weiße, rote und violette. In einer nachtblau geäderten Blüte wälzte sich eine Hummel; sie lag auf dem Rücken und fiel wie betrunken von einer Seite zur anderen, wenn sie versuchte, sich zu erheben; kam im die Beine und fiel wieder um und begann sich aufs neue zu wälzen und wie toll mit den Flügeln zu rasen. Das Kind betrachtete sie genau und war schon selber auf dem Grund; auf dem nachtblau geäderten zarten Grund, der unter ihm erbebte und seinen nackten, goldbraunen Rücken wie ein glattes Laken empfing, wie ein Betthimmel, gegen den seine Beine, sechs kleine, aber behaarte Beine, ohne haften zu können, traten, und gegen das seine Flügelarme stießen, vier Flügel – ebenso zart geädert wie die Blüte, in der es lag. Über dem Kind war der Himmel, nichts Ein entsetzlich hoher, glühender Himmel von unbarmherzigem Blau, erst hellblau, dann stahlblau, dann dunkelblau; zuletzt war er einfach schwarz. Nicht lange, so überlegte das Kind; dann würde wieder der Flieger über den Himmel ziehen, das Leitflugzeug, dem die anderen folgten: die viermotorige Bomber, die man bis in den Bunker hinunter hörte und deren Einschlage schon zu fühlen und wahrzunehmen waren, ehe noch ihre Ladung zerplatzte und? auf die Erde fiel. Aber hier, in diesem schön abgestützten, von – lauter zartblauen Adern abgesteiften Bunker könnte absolut gar nichts geschehen. Das Brummen verschärfte sich immer mehr, jetzt müßte der ganze Himmel bedeckt von lauter Flugzeugen sein ...

Indessen dachte die Mutter: Nuri gut, mag das Kind in den Garten laufen. Ich hol es mir, wenn das Verkehrsflugzeug, 12 Uhr 30, über den Hausgiebel komm; jawohl, dann hole ich mir diese Kleine, die wieder: einmal meinen Wecker heruntergeworfen hat, als sie vorüberlief: immer wirft sie den Wecker herunter, wenn sie durch den Flur in den Garten läuft; es ist ja auch nicht der richtige Platz für einen Wecker, das kann man wohl sagen, unter dem Garderobenspiegel auf dem niedrigen Hocker zu stehen.

Sie zog die Kartoffelschüssel von der Gasflamme fort, hob die Stürze ab und stach mit der Gabel hinein. Noch fünf Minuten, dann würden sie gut sein: einige waren schon aufgesprungen, eine trockene, mehlige Sorte, die das Herschleppen aus dem märkischen Dorf und die Angst vor dem Grenzpolizisten gelohnt hatte, dachte sie. Wie gut, daß man im vorigen Herbst den Gartenbunker planiert und tüchtig mit Mist beworfen hatte: nun würde sie dieses Jahr sicher ihre eigene Ernte haben, die Kartoffeln, die man dort eingelegt hatte, standen – schon hoch im Kraut; die Pflanzen,– kräftig und gut geraten waren anzusehen wie einVersprechen aufweine bessere Zeit. Alle: waren damit zufriedene sie selber natürlich in erster Linie, doch auch die beiden Söhne, obwohl sie sich doch tüchtig hatten plagen und abrackern .müssen, um die Pfosten und Bretter des Bunkers aus der Erde herauszugraben, und schließlich sogar der Vater, der sich anfangs geweigert hatte: die Zigaretten taten ihm leid, die die großen Jungen dafür erhielten, und daß auf das neu gewonnene Stück kein Tabak; sondern Kartoffeln kamen; daß die Mistfuhre dann noch den letzten Rest seiner Chesterfield aufzehrte, die er für sich aus der Gefangenschaft mitgebracht hatte; daß die’ Frau bestimmte, was nötig war, und nicht er, der jetzt noch viel weniger galt als in den letzten Jahren .. aber schließlich gab er doch nach. Nur die kleine Laura war heute noch böse und ging nie an dem Erdäpfelacker vorüber, ohne den Kopf wegzudrehen Wahrscheinlich glaubte sie, daß mit dem Bunker ein geheimer Schutzgeist vertrieben, ein Elfenhemd von der Bleiche genommen, eine Tarnkappe boshaft geraubt worden sei, die ihr allein gehörte, und daß sie jetzt nackt dastand, frierend und nackt bis auf die goldene Haut. Man hatte ihr, das war offensichtlich, einen Teil ihres Selbst gestohlen, man hatte ihr ein Stück Leben entwendet, in dem sie zu Hause war. Jedesmal, wenn das Verkehrsflugzeug in der Lücke zwischen den beiden Kiefern von Westen her sichtbar würde und über den Hausgiebel kam glauhte die Mütter genau, zu wissen, wie ihrer Kleinen zumute war; aber hätte sie es wirklich gewußt ... Sie wußte es natürlich nur halb, und zwar soweit sie selber das Kind und das Kind, noch sie selber war.

Im übrigen, nämlich zur anderen Hälfte, wünschte die kleine Laura, die Erwachsenen wären, tot: ihr Vater, welcher behauptete, Sie schon vor Jahren gekannt zu haben und das fremde-, schlecht rasierte Gesicht\ an ihren Backen rieb; ihre Brüder, die sie wie eine Puppe an den Ärmchen im Kreis herumschwangen und sich ein Vergnügen machten, sie in die Nase zu beißen; die Mutter, welche, wenn sie das Brot beim Frühstückskaffee abwog, immer wieder das letzte Stück von der Waage herunternahm. Am Ende legte sie es aufs neue von dem eigenen Teller dazu – vielleicht, daß mannoch noch erwägen könnte, die Mutter leben zu lassen. Nein. Auch nicht die Mutter! Gerade sie nicht, denn-sie war Schuld; daß der Bunker weg war; kein anderer – als, sie. Immer hatte sie doch gesagt: Der Bunkermuß jetzt fort. Der Bunker muß weg, was soll er denn noch? Die Balken fangen zu faulen an, und unter der Treppe, du lieber Himmel, ist schon ein Mäusenest. Das mit dem Mäusenest war nicht richtig, sie hatte es damals bloß gesagt, um die kleine Laura von ihrer Leidenschaft zu dem Bunker, seine Treppe, die zu ihm hinunterführte, und das alte Bänkchen zu heilen, auf welchem das Kind zu sitzen pflegte – ganz still, ganz versunken, die Puppe im Arm, eine häßliche, schiefe Lumpenpuppe, die seine Vertraute war. Sie hieß Rosie und stellte seltsame Fragenan ihre Mutter Laura, die schwer zu beantworten -waren. "Glaubst du wirklich", fragte die Puppe Rosie, "daß schon morgen. die Jungen anfangen werden –?" "Ich weit es nichts "Aber du sagtest doch eben, sie hätten sich eine größere Säge und mehrere Äxte geborgt?"