Von Alix

Eine Wiese, auf der wie große Kuhblumen die Standardwerke der französischen Klassikererblühen: eine Ziege, die munteren Blickes diese Werke verschlingt und am Hinterteil ihres wohlgenährten Körpers in Gestalt netter, kleiner Büchlein wieder hinausbefördert – so sehen in den französischen Zeitschriften die Illustrationen zum Streit um die "Omnibooks" aus. Die so angegriffene Methode besteht darin, Literatur derart "einzudampfen", daß der zwar vielbeschäftigte, aber dennoch nach Bildung drängende Leser sich auch nach den Extrakten noch ein Bild vom Original machen kann. Es war die amerikanische Zeitschrift Reader’s Digest, die damit angefangen hat. Sie tat es in der löblichen Ambition, zur Lektüre des gesamten Werkes anregen zu wollen. Daher geschah es, daß bedeutende franzosische Schriftsteller diesem System ihre Zustimmung liehen. Paul Claudel, François Mauriac, Georges Duhamel, André Siegfried, André Maurois – sämtlich Angehörige der AcadémieFrançaise, "Unsterbliche", jedenfalls aber Leute vom guten alten Schlag – haben Reader’s Digest, der es in Frankreich auf eineAuflage von 900 000 gebracht haben soll, ihren Beifall gezollt, soweit es sich um die Möglichkeit handelte, amerikanische Schriftsteller kennen zu lernen. Aber als es bald auch um Kondensate der französischen Literatur ging, regte sich in Frankreich lauter Widerspruch. "Succes", "Concentré" – unter diesen Titeln treten die Exempel der französischen Kondens-Literatur auf. Sie haben gleich ihren amerikanischen Vorbildern Broschürenform, grellbunte Umschlagbilder, die an Kinderzeitungen, an billige Modehefte und Métro-Reklamen erinnern, und sind im Preis nicht zu unterbieten. Die Masse bringt’s.

Wen die Leidenschaftlichkeit der Diskussionen um die immerhin "nur" kulturellen Fragen wundert, der vergißt, daß in Frankreich die Kultur noch als nationales, unteilbares Gut angesehen wird, dem die Öffentlichkeit ihre ganze Anteilnahme entgegenbringt, und über dessen Integrität sie wacht. Und leidenschaftlich nennen sie in Frankreich die "Omnibook"-Methode, eine verabscheuungswürdige "Vulgarisierung der Literatur" einen "Verrat am französischen Geiste", und öffenlich verwahren sich bekannte Schriftsteiler gegen die Zumutung, ihre Werke jemals im "Suppenwürfelformat" erscheinen zu lassen. Was den Amerikanern recht ist, erscheint zu billig den Franzosen, allzu billig.

Einige Autoren aber – eine kleine Minder-, heit – haben sich fangen lassen. Maria le Hardouin, deren Roman "L’Etoile Absinthe" beinahe einen Preis bekommen hätte, auch Jean Malaquais, der durch sein "Planete sans Visa" Aufsehen erregte, auch Roger Peyrefitte, der Autor der "Mademoiselle de Murville", sind schwach geworden. Und Maurice Toesca gar, der Verfasser der"Scorpionnes", schwingt sich zu einer öffentlichen Verteidigung der "Omnibooks" auf."Immerhin",sagt er, "immerhin..." Und zieht er das authentische, durch Eindampfung gewonnene Resumé den oft recht fragwürdigen Resumés der Kritiker vor. Worauf seine Gegner ihm entgegenhalten, daß ein Rezept, das sich vielleicht im Literaturunterricht bewähren mag und eventuell für Leute gut ist, die beruflich auf dem laufenden bleiben müssen, für Buchhändler etwa, ganz und gar nicht von allgemeinem Nutzen sei.

Recht so! An einem Kunstwerk kann im Grunde nichts weggelassen werden. Denn in einem wirklich guten Roman, der Anspruch erhebt, ein Kunstwerk zu sein, hat jedes Komma seinen Platz. Nun ja, wir wollen nicht kleinlich sein und nicht um ein Komma streiten. Wie ärgerlich aber wirken dann darin Wiederholungen, die plötzlich in Erscheinung treten, wenn der "Eindampfung" ganze Kapitel zum Opfer fallen. Und es ist nicht allein die formale Sorge um den Stil. Auch die Charaktere, die aus ihrer Entfaltung herausgerissen werden, können sich nicht mehr entwickeln und verlieren jede Wahrscheinlichkeit und Tiefe. Die Omnibooks greifen – und das ist ihr gutes Recht – die markantesten Stellen eines Romans heraus, aber diese sind nicht immer die besten. Auch wird zwangsläufig das Verhältnis zwischen dem Autor und dem Leser zerstört, das er erst durch ganzen Ablauf der Erzählung gewinnen kann. Was würde von Flaubert’s "Madame Bovary" oder Balzacs Romanen übrigbleiben, "dampfte" man sie "ein"?

Übrigens wurde in der Diskussion um die Kondens-Literatur klar, daß die Ablehnung der französischen Ausgaben der"Omnibooks" in Frankreich nicht nur sachliche Gründe hat, sondern daß der Widerspruch gegen den Amerikanismus eine Rolle spielt, dessen wachsenden Einfluß das alte europäische Kulturland par excellence als bedrohlich empfindet. Tatsächlich istParis in den letzten Jahren von einer Flut amerikanischerTheaterstücke, Filme, Bücher geradezu überschwemmt worden, die – wie die Huts der französischen Geistestradition mit Bedauern feststellte – vor allein bei der Jugend begeisterte Aufnahme fanden. Mehr als ein Drittel der Stücke in der letzten Pariser Theatersaison war amerikanischer Provenienz. Und die amerikanischen Filme sind für die finanziell und rohstoffknappefranzösische Produktion eine Konkurrenz, der sie sich kaum noch gewachsen zeigt. Was nun gar, wenn die Buchhändler zugeben, daß die Nachfrage nach amerikanischer Literatur, sei es im Originaltext, sei es in der Übersetzung, ständig wächst, und daß sie tatsächlich weit mehr ausländische, vor allem amerikanische und englische Bücher verkaufen, als einheimische Werke? Und jetzt auch noch die Herausgebermethoden aus den USA in Frankreich, angewandt auf die französische Literatur! Es sind die führenden Geister, die sich dem entgegenstemmen mit großer Entschiedenheit, weil sie fühlen, daß es um mehr geht als um einen erfolgreichen Einfall tüchtiger Verleger. Und ohne Zweifel: sie haben recht damit. Dies sei vorsorglich auch für denFall betont, daß deutsche Verleger, verführt durch die Knappheit an Papier, auf die Idee kommen sollten, Werke der deutschen Literatur "einzudampfen"!