Seit Lord Pakenham die Währungsreform endgültig in Aussicht gestellt hat, ist der Run auf die Briefmarke als „inflationssicheres Wertobjekt“noch stärker geworden. Jeder fünfte Amerikaner und jeder zehnte Deutsche sammelt nach Ansicht von Fachkennern Briefmarken. Der materielle Vorteil aus dieser Passion liegt bei der Steuer, der Post und dem Briefmarkenhandel. Hier ist Geld zu verdienen, denn der Briefmarkenhandel ist frei von Bewirtschaftungsvorschriften und Preisstopp. Eine steuerliche Kontrolle ist durch den üblichen Barkauf bei mehr oder weniger fachlich fundierterBewertung desHandelsobjektes erschwert. Daher hat sich diese Branche jetzt erheblich aufgebläht, und die Spreu wird sich vom Weizen erst nach dem großen Schnitt trennen ...

Jedoch auch hier ist nicht alles sorgenfrei, obwohl die Preise ein Vielfaches über dem Vorkriegsniveau liegen und die meisten Händler sich ein Leben weit über dem durchschnittlichen Existenzminimum leisten können. Schon im Interzonenverkehr bestehen Schwierigkeiten. So kommen Berliner Teilnehmer zu westdeutschen Konfressen schwarz über die Grenze, und der Geldverkehrgeschieht ebenfalls auf Umwegen. Die anerkannte Internationalität der Briefmarke wird durch das Ex- und Importverbot des Kontrollrates für die deutschen Händler und Sammler unterbunden. Der übliche illegale Verkehr, der naturgemäß nur in kleinen Mengen durchgeführt wird, führt zu Überpreisen und zum Ausverkauf der deutschen Händlerlager, da eine Relation zwischen der Mark und der ausländischen Währung nicht feststeht. Als schmerzlich wird empfunden, daß sämtliche Marken aus der Zeit von 1933 bis 1945 nicht gehandelt werden dürfen.

Der Papiergeldüberfluß und die Einschränkungen im Handel erleichtern Fälschern das Handwerk. Es sind für den ehrlichen Kaufmann unsichere Zeiten geworden. Dennoch, das Geschäft scheint sich zu lohnen, da neue – also „schwarze“ – Aktentaschen, moderne Zweireiher und amerikanische Zigaretten offensichtlich zum „Handwerkszeug“ gehören, Man kann es ihnen nicht verdenken, denn sie sind nicht in die Mühle behördlicher Bürokratie eingepreßt. Aber mancherHändler wird sich nach der Währungsreform nach einem neuen Beruf umsehen müssen. Wissen und Erfahrung sind in diesem Beruf nicht weniger wichtig als in allen anderen. W-n.