Eine Uraufführung in Münster

E rfolg dieses Schauspiels: Die Einsicht, daß es an der Zeit ist, gegen den Unfug anzugehen, der heute mit jener dramaturgischen Theorie getrieben wird, die ihre Impulse aus der Auflösung der Wirklichkeit bezieht; Den Gerstenberg konnte man noch, ohne sich zu genieren, hinnehmen, was aber Renate Uhl zu bieten für richtig hält, wird nur noch mit Sarkasmus. akzeptiert, wer sich überhaupt die’Mühe nimmt, derartiges ernst zu nehmen. Unter dem energischen Titel „Um den Menschen wird noch gekämpft“ werden uns sieben Bilder zugemutet? Dramaturgisch ein konfuses Durcheinander von realen und irrealen Tatbeständen, inhaltlich die Schilderung eines brutalen Ehrgeizlings, eines mit allen niederträchtigen Wassern gewaschenen Geschäftsgauners, der im Affekt seine Frau erschlägt und den eine Gerichtsverhandlung, von dem personifizierten. Gewissen unterstützt, zur Einsicht bringt. Im übrigen: Ein Zeitgemälde, mühsam drapiert mit papierenen Redensarten und dürftigen metaphysischen. Anwandlungen. Das Ganze ist von einer hoffnungslosen Ungeschicklichkeit: die Exposition ist banal, die Gerichtsverhandlung langweilig und die Rückblende in die Vergangenheit theatralisch.

Selbst eine abgefeimte Regie hätte dieses Vergehen gegen die gutfen Sitten des Theaters nur schwer mildern können. Eugen’ Wallrath war aber offenbar auch gar nicht bemüht, durch eigene Einfälle dem Stück mildernde Umstände zu sichern. Er ließ dem Unglück seinen Lauf. Nur einer Setzt sich zur Wehr: Kurt. Lehnert, der dieHauptrolle übernommen hatte. Er machte aus der Figur einen Menschen von bösartiger Geldgier, der in den seelischen Zusammenbruch treibt mit der Folgerichtigkeit des Gesetzes, das von höherer Ordnung ist. Dieser höheren Ordnung die Anerkennung zu sichern, ist eine gutgemeinte Absicht, desStückes. Aber man muß eine Absicht nicht nur haben, man muß sie auch verwirklichen. Da dies so völlig mißlungen ist, erscheint eine scharfe Reaktion mehr als gerechtfertigt. Denn es steht das Ansehen der jungen dramatischen Leistung in Frage. Und dieses dringend notwendige Ansehen erlaubt nicht, daß ausgesprochenes Versagen durch liebenswürdige Nachsicht honoriert wird.

Theo Fürstenau