Von Gustaf A. Mulach-Harbarnsen

Es war auf einer Sondertagung, Sozialpolitischen Ausschusses des Zonenbeirates für die britische Zone in Hamburg, daß Oberregierungs- und Medizinalrat Dr. Ickert vom Niedersächsischen Gesundheitsministerium sachlich-wissenschaftlich auf das Problem "Ernährung und Tuberkulose" hinwies und betonte, es sei eine unabdingbare Forderung, für das ganze Volk einen täglichen Kaloriensatz von 2700 Einheiten zu erreichen. Er erinnerte an eine vom Deutschen Pressedienst verbreitete Meldung, derzufolge nach Äußerungen des amerikanischen Außenministeriums das deutsche Volk selbst im Jahre 1952 erst damit rechnen könne, etwa 60 v. H. des Normalbedarfs an Brot und etwa 30 bis 40 v. H. des unumgänglich notwendigen Bedarfs an Fleisch und Fett zu erhalten. Dr. Ickert knüpfte daran die Bemerkung: "Das bedeutet, daß wir hinsichtlich der Tuberkulose-Sterblichkeit in den nächsten Jahren wohl noch manches zu erwarten haben werden."

Derartige Feststellungen und Ausblicke, sind schon so oft und von allen möglichen Podien und Kathedern herab gemacht und gegeben, worden, daß die Reaktion unseres Volkes einer dumpf getragenen, tiefen Resignation gleichkommt. Aber Völker sind gefährlich, wenn sie duldend schweigen, und nach physikalischen Gesetzen muß sich einmal entstandener Überdruck nach der Seite des geringsten Widerstandes entladen.

Wir haben die Tatsache zu verzeichnen, daß sich weite Kreise des deutschen Volkes – um zunächst die Bezeichnung "Normalverbraucher" zu vermeiden – in eine bedenkliche nihilistische Weltanschauung hineinbewegen, die von einer gefährlichen Philosophie des Hungers" unterbaut wird. In der Parabel vom Großinquisitor hat Dostojewskij den Satz niedergeschrieben: "Mit dem Brote ward dir die unbestrittene Macht über die Menschen geboten: gibst du Brot, so werden dich die Menschen anbeten, denn am Brote zweifelt niemand?" Dieses Wort steht in einer der erschütternsten geistigen Auseinandersetzungen zwischen einer mechanistischen Welt und dem reinen Geist. Die Menschen unserer Zeit; von einer Verwaltungsbürokratie der Kategorie "Normalverbraucher" zugeteilt, stehen in ähnlicher Situation, vor dieser mechanistischen Welt, wie der große Leidende in der Parabel Dostojewskijs zu mitternächtlicher Stunde in einem dunklen; dumpfen Kerker vor der dialektischen Gewalt, des Großinquisitors steht.

Unbestreitbar ist es gut und nützlich, sich ab und an einmal vor den Spiegel zu stellen, ohne dabei der "Gefangene des eigenen Spiegelbildes" zu werden! Unumgänglich wird ein solcher Blick, in den Spiegel, wenn wir ernsthaft darangehen wollen, so etwas wie den Schein einer Ordnung in das uns umgebende Chaos zu bringen, die Verwirrung der Gefühle aufzulösen und wieder zu den klaren Formen menschlicher Grundsätze hinzufinden, um die Möglichkeit einer zwar, sehr bescheidenen, aber immerhin für alle lebenswürdigen Zukunft zu finden.

Diese Zukunft liegt im Brot; im Brot für alle. Genauer gesagt, sie liegt in dem Brot, das der eine immer noch reichlich oder doch zumindest ausreichend, der andere aber kaum noch hat. Wobei wir den Begriff "Brot" sehr weit und im Sinne jeglicher Substanz zu fassen haben, die für die menschliche Ernährung in Betracht kommt. Diese Zukunft ist abhängig von dem Maß der Einsicht, das der Mensch mit Rücksicht auf das Gemeinwohl aufzubringen bereit und imstande ist. Nicht aber kann der geforderte Verzicht vieler auf eine menschenwürdige, biologischen Voraussetzungen entsprechende Ernährung sie herbeiführen helfen. Ein solcher gesetzlich erzwungener Verzicht, der obendrein einen amoralischen, höchst fragwürdige seelische Tiefenwirkungen auslösenden krassen Gegensatz statuiert, wird den Zusammenbruch von wirtschaftlichen und politischen Systemen nicht verhindern; er schiebt sie nur hinaus. Er vergrößert den atmosphärischen Druck, indem er die Ventile verkeilt und die Maschine auf Höchsttouren der Katastrophe zusteuert. Der Hungerzwang des Normalverbrauchers verbürgt nicht dessen Bereitschaft, die Beute der anderen zu werden, die nicht verzichtet. Es ist ein gefährlicher Trugschluß, wenn Wirtschaftspolitiker und Staatsmänner glauben, auf Grund der bisherigen Erfahrungen und mit den Praktiken der Lebensmittelkartenbürokratie, die lebendiges Leben unterschiedlich bewertet und damit zum Herrn über Leber-und Tod wird, sei aus der Sackgasse überholter Formen des menschlichen Gemeinschaftslebens herauszukommen. Die Welt ist kein Gewächshaus, in dem die Hand des Gärtners willkürliche Triebe beschneiden kann der vitalste Trieb des Menschen, der Trieb, seinen Hunger zu befriedigen, sich am Leben zu erhalten, Kann nicht künstlich zurückgedrängt werden, ohne daß der Organismus in-seiner Einstenz bedroht würde. Wenn in einem Gewächshaus Pflanzen durch gärtnerische Künste zu modischen Spielereien entarten, so wird im Leben eines Volke? die Gewaltsamkeit, einen Teil seiner Organismen zur Verkümmerung zu Verurteilen, während ein anderer Teil normal gedeihen kann, zu einem Unterfangen, das naturnotwendig – da es sich um denkende, fühlende Menschen handelt – zu einer Katastrophe führen muß.

Es wird vielleicht dabei nicht so sehr daraufankommen, daß zehn oder zwanzig oder dreißig Millionen Menschen Hungers sterben, langsam an schleichenden Seuchen zugrunde gehen, verzweifelt den Freitod wählen oder still wie die Tiere in irgendeinem Winkel die Augen schließen; es wird aber sehr darauf ankommen, daß die restliche Welt durch dieses Sterben mit einem Bazillus infiziert wird, der für die nächsten hundert oder dreihundert Jahre das Leben auf dieser Welt zur Hölle einer ameisenhaften Entpersönlichung macht. Jeder Mensch wird bereit sein, Zugeständnisse zu machen! Zugeständnisse gleich welcher Art, wenn er. dafür satt und in verhältnismäßiger Ruhe sein Leben fortfristen kann. (Ausnahmen seien freilich zugegeben.)