Kurz vor Ostern ist in Berlin eine neue Zeitung erschienen, die ein eindringlich schlichtes, betont konservatives, ausgesprochen gestriges Gewand zeigt und "National-Zeitung" heißt Sie vermehrt das knappe Dutzend russisch lizenzierter und der sowjetischen Politik zur Verfügung stehender Blätter um ein weiteres. Die in den ersten beiden Nummern angeschlagenen Themen ("Das Ritterkreuz", "Die nationale Krise") legten dem kritischen Beobachter in Berlin die Vermutung nahe, es handele sich um ein Blatt, hinter dem der Einfluß des "Deutschen Nationalkomitees" zum ersten Male ganz deutlich würde. In seiner zweiten Ausgabe beschäftigte sich das Blatt mit allen Vermutungen, die die übrigen Berliner Zeitungen an sein in keiner Form vorher angekündigtes, also vollkommen überraschendes Erscheinen angeknüpft hatten. Aber diese Ver-Blutungen wurden lediglich registriert, und man fand nirgends ein Dementi der Auffassung, daß dieses Blatt nach Titel und Charakter die Aufgabe habe, – die ehemals konservativen Kräfte Deutschlands und vor allem die gegen die Weltmächte skeptischen früheren Nationalsozialisten anzusprechen. Das steht – demnach; außer allem Zweifel. Wieweit die Zeitung dabei Organ jenes nach Stalingrad gegründeten deutschen Nationalkomitees" sein oder werden soll, wird, angesichts der Unklarheit über das Bestehen oder Nichtbestehen dieser Organisation auch weiterhin im dunkeln bleiben.

Ob und in welcher Gestalt, das Nationalkomitee noch besteht, welche Bedeutung ihm heute zukommt und für welche Zweeke es eventuell vorgesehen ist – das ist die in den nichtrussischen Zeitungen immer wieder diskutierte Frage. Zwei Männer haben ihm von 1945 an vorgestanden: der deutsche kommunistische Lyriker Erich Weinert und (als sein Stellvertreter) der deutsche Korpskommandeur General von Seydlitz. Seydlitz leitete nach seiner Gefangennahme zunächst den "Bund deutscher Offiziere". Er war der Typ des preußischen Offiziers, dem der Hitlerismüs stets als höchst widerdeutsche Ärgerlichkeit erschienen war. Seine Verbindung mit den kommunistischen Emigranten in Moskau aber, haben diese Emigranten selbst systematisch hergestellt, um die besten Teile vier deutschen Wehrmacht für ihre späteren Absichten zu gewinnen. Von der kommunistischen, Führung des Nationalkomitees gingen dann alle propagandistischen Pläne und Gedanken aus. Sie schuf die Zeitung "Freies Deutschland’’, die mit schwarzweißrotem Rand erschien und den Kommunisten Weinert zum Chefredakteur, hatte. In ihr wurden seinerzeit Schill, Lützow und sämtliche militärischen Großen und erfolgreichen Taten Preussen-Deutschlands besungen. Das "Nationalkomitee. Freies Deutschland" fand, solange der Krieg währte, immer größeren Zulauf in den deutschen Gefangenenlagern des Ostens, je größere Aufgaben seinen Angehörigen für die Zukunft in Aussicht gestellt wurden.

Als die Rote Armee Berlin erobert hatte, nahm man allgemein an, daß führende Vertreter des Nationalkomitees zu dem auch der Oberbefehlshaber der in Stalingrad eingekesselten 6. Armee; Paulus, gestoßen war – wichtige ‚politische Funktionen-, vielleicht sogar die provisorische deutsche Regierung übernehmen würden. Statt dessen aber wurde nach dem Waffenstillstand das Nationalkomitee auf deutschem Boden totgeschwiegen. Wohl waren einige Gruppen deutscher Soldaten – offenbar zu bestimmten Informationszwecken – in den Verbänden der Roten Armee mitgeführt worden, und wohl hatten andere auch in den deutschen Sammellagern von den Russen besondere Ordnerdienste zugewiesen bekommen. Aber die bevorzugte politische Herausstellung unterblieb. Die erste offizielle Äußerung über das den Deutschen ja bislang nur durch die ausländischen Sender bekannte Nationalkomitee hörte man aus. dem Munde des nach Deutschland zurückgekehrten Kommunisten Erich Weinert. Er, der heutige Vizepräsident der Zentralverwaltung für Volksbildung in der Sowjetzone, gab bekannt, daß das Nationalkomitee aufgelöst sei, da es die an seine Gründung geknüpften Erwartungen nicht erfüllt habe.

Seither ist von offiziöser russischer Seite niemals mehr darüber gesprochen worden. Wohl aber sind verschiedene Mitglieder des Komitees, die nachweislich früher niemals Kommunisten waren, in bedeutende politische und Verwaltungspositionen eingesetzt worden. So der Innenminister des Landes Brandenburg, Bechler, ein ehemaliger Major, ferner der jetzt in der "Deutschen Wirtschaftskommission der Ostzone" zum Chef des Landwirtschafts- und Arbeitsressorts ernannte frühere Major Steidle; weiter einige Mitglieder der beinahe anonym und unter Ausschluß jedes öffentlichen Einblicks arbeitenden Zentralverwaltung des Innern"und der gegen alle Proteste der Stadtverordnetenversammlung, des Magistrats und aller Parteien (mit Ausnahme der kommunistischen) gehaltene Berliner Polizeipräsident Markgraf, der ebenfalls Major war und zum Komitee gehörte.

Diese – und andere, hier nicht aufgeführte – Männer treten nirgendwo als Angehörige, einer bestimmten Organisation, in Erscheinung. Entweder sind sie heute Mitglieder einer der beiden zugelassenen Parteien, oder sie sind, was häufiger ist, "parteilos". Aber sie stellen eine Gruppe von Menschen dar, die nicht, nur durch das gemeinsame Kriegserlebnis und die ihm folgenden Schicksale miteinander Verbunden sind. Es ist bei der Unübersichtlichkeit aller Nachrichten aus der Sowjetunion schwer zu beurteilen, ob die Annahme amerikanischer und englischer Stellen; das "Deutsche Nationalkomitee" bestehe in Rußland weiter und habe sogar militärische Aufgaben, richtig ist oder nicht. Auch die weiteren Informationen, nach denen von hohen russischen Diplomaten – eine künftige deutsche Regierung, mindestens eine solche für die Ostzone, mit Mitgliedern des Nationalkomitees vorbereitet worden sei, gehören zu dem Kapitel der Mutnaßungen. Nicht weniger die Meldungen, daß Paulus in Deutschland wiederholt auftauche, und daß ständige Verbindungen zwischen den Gruppen Im Nationalkomitees auf deutschem Böden und hrer Zentrale in Rußland bestünden.

Doch über alle Kombinationen hinaus bleibt die Tatsache bestehen, daß in den Gefangenenagern in Rußland eine systematische Umschulung auf die politischen Absichten der Sowjets vor sich gegangen ist, und daß heute eine mehr oder weniger große Zahl von betätigen deutschen Miitärs einsatzbereit ist, wenn es darum geht, die deutsche, und die Weltöffentlichkeit davon zu überzeugen, daß die Sowjetunion keinesweges nur einen streng kommunistichen Kurs verfolgt, sonlern gesonnen ist, sich ebenso auf die konservaitr-nationalen deutschen Preise Zu stützen. Die im Programm der SED wie in keiner anderen, deutschen Partei heute auftauchenden nationalen sentiments (wenn es sich im westliche deutsche. Werte handelt) fördern diese Tendenz von der parteipolitischen Linie her natürlich wesentlich. Ob also morgen in der Ostzone und mit beabsichtigter Wirkung für ganz Deutschland eine Einheitspartei auftauchen – wird, die stark von den Zügen der ehemaligen deutschen Stalingrad-Offiziere, der Seydlitz und Paulus, der Daniels und Strecker geprägt ist oder nicht, das läßt sich nicht ausmachen. Wohl aber, daß Organisation und Gedanke des Nationalkomitees jederzeit in Erscheinung treten. können, wenn es dem Osten politisch nützlich erscheinen sollte. K. W.