Von Otto Höver

Neuerdings wird von Philosophen und Historikern gern der Begriff des homo faber benutzt, am Leistung und Würde des technisch-ingeniösen Menschentums herabzusetzen. Demgegenüber sei festgestellt, daß eben dieser homo faber letzthingleichbedeutend ist mit dem schöpferisch-gestaltenden Menschentyp schlechthin; Der Begriff, wird zu einem Ehrentitel, der gleicherweise einem hellenischen Toreuten, einem Erzbildner etwa vom Schlage des Polyklet, den Baumeistern des Parthenon, den Steinmetzen mittelalterlicher Bauhütten wie den Gestaltern der technischen Wirklichkeit zukommt. Homo faber ist also keineswegs identisch mit dem ließen. Spezialisten und Fachmann „entseelter“ Technik; durch seine schöpferische Begabung und Gestaltungskraft rangiert er vielmehr, an einer höchsten Stelle des Genus homo sapiens. Das Ziel der Menschheit liegt immer in Ihren höchsten Exemplaren und das sind allemal die schöpferischen Individuen. – Während die aufstrebenden und wirklichkeitsnahen Völker, des Westens, zumal die Amerikaner, eine antitechnische Einengung des Blickfeldes, fast möchte man sagen, instinktsicher vermieden haben, hat das Schicksal es gefügt, daß der Weg der deutschen Bildung während, des19. Jahrhunderts fast allzueinseitig durch den theoretischen Wort- und Gedankenmenschen – Philologen, Historiker, Philosophen – bestimmt worden ist, durch Gelehrte sind Lehrer also, die gewohnt sind, ihren Bedarf an -Idealität aus der Vergangenheit zu dicken. Wie mit dieser Geisteshaltung der Historismus der -Architektur und eine begriffliche Kunst überhauptheraufbeschworen wurden undder Zugang zum schöpferischen Urquell der Kunst verschüttet und die echte Wirkung des Künstlerischen eigentümlich verschleiert worden ist, so hat der gebildete Wort-Mensch in seinen manigfachen theoretischen Spielarten sich auch deN Weg zu einer gerechten Würdigung des Schöpferischen in der Technik verbaut. Philosophische. Ergründer technischen Phanomens und seines Hrhebers,des ingeniösen Menschen, haben die Technik allzu einseitig aus dem Wissenschaftlichen und Theoretischen abzuleiten versucht. Diese Einstellung hat die gemeinsame Wurzel des künstlerischen wie des technischen Ingeniums im schöpferischen Trieb nicht recht anerkennen wollen oder gar gänzlich übersehen. Dabei hat sich dieser schöpferische Trieb, der zur Kunst wie zur Technik führt, in den allerersten Anfängen bei den naturverbundenen Hand- und Augen-Menschen des altsteinzeitlichen Jägertums absolut gleichzeitig geregt und ausgewirkt, weit vor der Erweckung des wissenschaftlichen oder gar philosophischen Erkenntnisdranges.Mit dem Aufgang des technischen Zeitalters ist dann der uralte ingeniöse Schöpfer trieb des Menschentums, des Hand- und Augen-Menschen, wissenschaftlich unterbaut worden.

Technik als manuelle Geschicklichkeit-und Tätigkeit, als Gabe des Menschenkönnens. ist so alt wie das Menschengeschlecht, ja ist mit der Menschwerdung, mit der Lösung aus dem Tierhaften überhaupt verbunden. Wie der Weg naturnaher Kunst führt auch der Weg naturnaher und naturverbundener Technik aus den Tiefen der Altsteinzeit herauf in das Licht der Gegenwart. Auch in grauen – Vorzeiten hat sich die Erfindungsgabe emsig geregt. Daß Handfertigkeit und Erfindungsgabe aufgingenin einer entwickelten dreidimensionalen Vorstellungskraft des Maschinenbaumeisters unseres Zeitalters beruht auf derselben geheimnisvollen Entfaltung schöpferischer Kräfte des menschlichen, Genius, die von den Höhlenbildnern der Altsteinzeit zur Kunst der v. Eycks, zu Rubens und Rembrandt führt oder von den Hünengräbern zur Hagia Sophia und zu Vierzehnheiligen. –

Die Entfaltung der technischen Wirklichkeit hatvor rund hundert Jahren begonnen,-als die künstlerische und geistige Kultur noch vom schönen Schein der Romantik umsponnen war Und wir meinen deshalb, daß erst mit der Überwindung der fragmentischen Scheinwelt der Romantik durch die neue, in sich vollendete, und zweckgerechte Seinshaftigkeit technischer Wirklichkeit die Möglichkeit, zu einer neuen primären Ganzheit im Bereich schöpferischerGestaltungen und damit zur Ent-Haltung eines neuen und originären Weltstils gegeben ist.

Die großen künstlerischen Stile, die europäische, ja überkontinentale Geltung erlangt haben, von der Hellenik über Romanik und Gotik bis zum Barock und bis zum Klassizismus, bedeuten jeweils eine ganzheitliche schöpferische Erfüllung ihrer Zeitalter in sichtbarer Form von einheitlichem Gepräge. Für unser jetziges Mittelalter wie für eine Spanne künftiger Menschheitsgeschichte erscheint nun eine solche schöpferisch Erfüllung mit der technischen Wirklichkeit gegeben. Angesichts ihres schöpferischen Gehaltes könnte vielleicht die Technik als ein bestimmender Weltstil gedeutet werden. Das Geheimnis im Zeitenwandel der Künste, vor allem aber das Geheimnis vom Aufgang einer technischen: Wirklichkeit nach dem Abklingen der künstlerischen Zeitalter mag darin beschlossen liegen, daß sich innerhalb der Auswirkungen der dem Menschen, zugemessenen schöpferischen Kräfte eine Verlage-– mag des Schwerpunktes vollzogen hat. Es hätte also eine Umformung, eine Transformation der kulturellen Energien stattgefunden, eine Umformung des Geistes. Technik als eine Funktion schöpferischer. Geistigkeit ist keineswegs, an sich böse oder, gar „dämonisch“, sondern erst Eigensucht und Habgier des wirtschaftlichen wie des politischen Machtmenschentums haben die Technik auf einen Abweg gebracht und furchtbaren Mißbrauch mit ihr getrieben. Jedes Zeitalter hat seine Sünden und Tugenden, sein Böses und sein Gutes, seinen Fluch und seinen Segen. Wir aber suchen den Segen des Schöpferischen auch in einer harten technischen Wirklichkeit. Auch der technische Mensch ringt um den Sieg des Geistigen über die Materie. Das bedeutet Umsetzung des Stoffes in Kraft und Bändigung der Kraft zur Arbeit, die dem Menschen einen Teil seiner Mühsal abnimmt und neue Lebensmöglichkeiten erschließt. Daraus kann dem Menschen, sofern er innerlich dafür bereit ist, eine höchste Lebenssteigerung und Lebensbejahung erwachsen.

Mit einer Anerkennung der Technik und mit der absoluten Bejahung technischer Wirklichkeit wird jene dringliche Forderung der Gegenwart erfüllt, die Professor Hans Peters neuerdings dahin formuliert hat, daß der Geist der Technik in das abendländische Denken harmonisch eingebaut werden muß, ein Problem, an dessen Lösung die geistige Schicht und zumal der deutsche Bildungsmensch bisher – absichtlich oder unabsichtlich stehe dahin – vorbeigegangen ist. Hans Peters hat es ganz entschieden ausgesprochen, daß neben Antike (Humanismus) – Christentum – Rationalismus (Aufklärung) und Romantik die Technik zu den wichtigsten das Abendland gestaltenden Grundfaktoren gehört. „Wer auch nur einen dieser Grundfaktoren völlig ablehnt, steht außerhalb abendländischer Tradition“ – sagt Peters und betont weiter, daß unsere Kultureinheit bisher daran gescheitert ist, daß der Geist der Technik noch nicht in die Einheit abendländischen Denkens einbezogen werden konnte, obwohl er als eine der wesentlichsten Realitäten heute unser aller Leben entscheidend beeinflußt.

Auch Bernhard Bavink vertritt in seinem ausgezeichneten Buch ,,Ergebnisse und Probleme der Naturwissenschaft“ ganz entschieden die Ansicht, daß die Technik „ein Kulturgebiet sui generis sei, das gleichberechtigt neben der Kunst, der Wissenschaft und dem ethisch-religiösen Reich als das vierte Reich der Werte steht.“