Das NürnbergerGerichtsgebäude beherbergt mehr interessante Leute als irgendein Haus in irgendeinem Land. Zwölf Prozesse sind dem großen I. M. T.-Prozeß gefolgt. Ein Zeitalter wurde angesagt und Berge von Akten sind zusammengetragen worden. Leben gewinnt dies erst durch die Männer, die hier die Gerechtigkeit verwalten. Einen Querschnitt durch Nürnberg zu ziehen, hieße den Turm von Babel analysieren; so viele Völker, Sprachen, Religionen, Weltanschauungen, Ideen und Realitäten schichten sich übereinander. Doch spielt gerade hier die Persönlichkeit eine große Rolle. Darum seien aus der Fülledrei Männer herausgegriffen: ein Ankläger ein Verteidiger, ein Richter.

„Wasdie Kriegsverberchen angeht, so wurde mir klar, daß die Deutschen nicht nur schlechthin brutal waren. Es ging ihnen nicht darum, den Sieg im jeden Preis zu erringen. Nein, zu ihren Kriegszielen gehörte es, sich ungestört Verbrechen hingeben zu können.“ Tedford Taylor, mit 39 Jahren einer der jüngsten Generale der US-Army, Nachfolger von Chief Justice Jackson, der ihn aussuchte, zentrales Gehirn der Nürnberger Anklage, formte diesen Satz anläßlich einer Ansprache im Pariser Palais de Justice. Gebürtig aus dem Staate New York, Student in Harvard, betätigte sich der dem Tennis wie der Musik ergebene Chief of Counsel for War Crimes früh im Rechtsdienst amerikanischer hoher Behörden, Zwei Kriegsjahre verbrachte er in London als Haupt der Special Branch des amerikanischen Intelligence Service. Taylor spricht fließend Französisch. Er ist ein harter Arbeiter, der die Eröffnungs- und Schlußplädoyers nicht nur selbst vorträgt, sondern auf ihre Formulierungen entscheidenden Einfluß nimmt. Als Generalstaatsanwalt und administratives Haupt der Anklagebehörde ist er General Clay unmittelbar verantwortlich. Nicht ohne einen Unterton von Bewunderung nennen ihn seine Landsleute very smart.

Otto Kranzbühler ist durch Nürnberg beifügt geworden. Unter den deutschen Verteidigern ist dieser nicht sehr große Mann mit dem schmalen, wohlgeformten Schädel, den prüfend blickenden Augen, den sparsamen und doch ungeheuer eindrucksvollen Gesten die faszinierendste Erscheinung. Ohne Furcht und Tadel tritt er, ein David der Verteidigung, gegen den Goliath der Anklage an, mit einer Eleganz und Bravour, die ihm die restlose Bewunderung aller Teile des Gerichts eingetragen haben. Jahrgang 1907, ausder Pfalz stammend, Sohn eines Seeoffiziers, zog es ihn zum väterlichen Element. Er wählte die Laufbahn eines Marinerichters. Berlin, Kiel, Aachen, München sind die Stationen seines Studiums. 1934 schiffte er sich als Stabsrichter beim Befehlshaber der Aufklärungsstreitkräfte auf der „Königsberg“ ein. Den Krieg beendete er als letzter deutscher Flottenrichter bei der Minenräumdienstleitung. Von den Engländern nach Nürnberg geholt, trat er bis zur Auflösung seiner Einheit in Uniform mit allen Rangabzeichen bei Gericht auf. Sein Plädoyer für Dönitz, der mit zehn Jahren davonkam, trug ihm Dr. Burkart vom Flickdirektorium, Alfred Krupp, Dr. Ihn, Personalchef bei Krupp, und neuerdings noch Röchling als Mandanten ein. Wie kein anderer hat Kranzbühler den politischen Charakter der Nürnberger Prozesse erkannt und seine Argumentation dementsprechend aufgebaut. Zu seinen Meisterstücken gehörte die Verteidigung der sechs wegen contempt of court angeklagten Kruppanwälte. Kransbühler hat einige Semester in Paris und Genf verbracht. In der englischen Sprache übteer sich als Fabrikarbeiter in England. Sein Urteil über die Kriegsverbrecherprozesse: „Geschichtserklärend, aber auch geschichtsfälschend. Kein Historiker kann es wagen, auf Grund des hier vorgetragenen Materials ein Buch zu schreiben!“ Wenn Nürnberg vorbei ist, wird er in Lübeck praktizieren, wo seine Frau und seine vier Kinder leben.

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Als die Amerikaner in Sorrent landeten, setzten sie einen Militärgouverneur ein. Er wählte als Residenz keine der prachtvollen Villen am Golf, sondern eine Zelle im Franziskanerkloster Vico Equerse. Dieser Mann war der Kapitän zur See Michael A. Musmano. Wie Kranzbühler gehört er zu den Männern in Nürnberg, die man nicht wieder vergißt. Wiedieser trägt er unter der Robe Marineuniform. Musmano ist Vorsitzender im Ohlendorff-Prozeß. Aus Pennsylvanien stammend, wo er höchste Richterstellen bekleidete, diente er im ersten Weltkrieg als Infanterist, im zweiten bei der Marine. Träger höchster Tapferkeitsauszeichnungen, Junggeselle, Marineadjutant des USA-Befehlshabers in Österreich, kam er ursprünglich als Vertreter der US-Navy in den Verfahren gegen Dönitz und Raeder nach Nürnberg. Musmano ist Verfasser zahlreicher Bücher und verleugnet nicht den italienischen Genius seiner Vorfahren, deren Sprache er wie das Englische beherrscht. Ein Löwenhaupt, aus dem zwei wunderbare Augen blitzen, ein Menschenführer und Menschenfreund. Er ist Meister des Kreuzverhörs, von unbestechlichem Gerechtigkeitssinn und der einzige Nürnberger Richter, dem die Angeklagten vor dem Urteil ihren Dank für seine Verhand-Jungsführung aussprachen. Seinen Schreibtisch ziert ein Pinguin. Die Frau eines Kollegen schenkte ihm diesen Gegenstand, nachdem Musmano einen Einwand der Anklage gegen Ohlendorff mit dem Bemerken abgelehnt hatte: „Ich werde der Verteidigung gestatten, alles anzuführen, was sie zur Entlastung der Angeklagten vorbringen kann mit Ausnahme des Privatlebens der Pinguine. Sollte aber ein solcher Vogel zugunsten eines der Angeklagten aussagen wollen, so bin ich ebenfalls bereit, ihn anzuhören.“

HGSt.