Von R. Hennig

Während des Krieges, zu Anfang 1944, wurde die Nachricht bekannt, es sei den Forschungen des Professors Edmond Locard in Lyon gelungen, den sicheren Nachweis der Identität Karl Wilhelm Naundorffs mit dem angeblich im Juni 1795 im Temple gestorbenen König Ludwig. XVII. zu erbringen. Locard als Leiter einer polizeitechnischen Untersuchungsstelle ist einer der bekanntesten und erfahrensten Kenner krimineller Untersuchungsmethoden. Ein gewisser Castelot, der sich viel mit den Rätseln um den Sohn Ludwigs XVI. und der Marie-Antoinette befaßt hat, legte Locard Haare zur vergleichenden Untersuchung vor, die er sich einmal vom echten Prinzen, Andererseits von dem 1845 in Delft verstorbenen und dort beigesetzten Naundorf verschafft hatte. Die Haare des unglücklichen kleinen Dauphin fanden sich in einem Tagebuche (Livre d’heures) der Marie-Antoinette, das sie im Gefängnis geführt hatte und das nach ihrem Tode zunächst Robespierre zugestellt worden war; diejenigen Naundorffs waren seinem Grabe in Delft entnommen, in dem er mit Zustimmung der niederländischen Regierung unter der Bezeichnung als König Ludwig XVII. von Frankreich ruht.

Jene Meldungen von 1944 waren allerdings ohne weiteres nicht verständlich, da man sich schwer vorstellen konnte, wie eruiert werden sollte, daß die Haare eines etwa achtjährigen Knaben und eines mit sechzig Jahren verstorbenen Mannes vom gleichen Individuum herstammen. Die Notiz wurde daher wenig beachtet, und die Erinnerung daran ging in den Bombennächten und sonstigen Schrecken des Krieges rasch wieder verloren.

Erst jetzt scheinen die ersten authentischen Mitteilungen über Locards Untersuchungen nach Deutschland gelangt zu sein, Ihre Ergebnisse sind allerdings derart sensationell daß sich weitere Mitteilungen darüber lohnen.

Das von der Geschichte als König Ludwig XVII. bezeichnete Kind war 1785 als zweiter Sohn seiner Eltern geboren und wurde 1789 durch den Tod seines älteren Bruders Dauphin. Nach der Hinrichtung des Königs war es in den Augen der Bourbonen König Ludwig XVII. Im Juli 1793 wurde der Prinz Genfer Mutter entrissen und in die bekannte "Erziehung" eines fanatischen Republikaners, des Schusters Simon, gegeben. 1794 wurde er im Januar diesem rohen Gesellen weggenommen und in entsetzlicher Einzelhaft, ohne jede Berührung mit anderen. Menschen, ohne jede Beschäftigungsmöglichkeit in einem halbdunklen Kerker des Temple verwahrt. Nach Robespierres Hinrichtung erleichterte sich die Gefangenschaft, doch blieb sonst alles beim alten. Der landläufigen Geschichtsauffassung zufolge – erkrankte dann der prinzliche Knabe an Skrofulose und starb daran, zehnjährig, am 8. Juni 1795.

Von Anfang an legten sich lebhafte Zweifel an dieser offiziellen Darstellung. Bereits 1795 hieß es. der Prinz sei aus dem Temple entkommen und ein untergeschobener Knabe gleichen Alters sei seiner Stelle gestorben und Hals über Kopf in einem Massengrabe beigesetzt worden. Selbst amtliche Äußerungen im ,,Mouiteur", dem Regierungsblatt, behandelten Louis XVII. noch Monate nach seinem angeblichen Tode als eine noch lebende Persönlichkeit. Denkbar gründliche Untersuchungen der Zusammenhänge haben seit über hundert Jahren immer mehr Beweise dafür angehäuft, daß der Prinz in der Tat seinem Gefängnis entronnen sein dürfte, wenn auch ungeklärt blieb, was aus ihm geworden war.

Mehrfach haben sich nach dem Sturze Napoleons 1815 Abenteurer als Ludwig XVII. ausgegeben. Verschiedenen von ihnen ließ die französische Regierung den Prozeß machen, und sie sind als Betrüger entlarvt worden. Mit einem dieser "falschen Ludwige" wurde aber eine bemerkenswerte Ausnahme gemacht; mit dem Uhrmacher Karl Wilhelm Naundorff, der seit vielen Jahren in Berlin und in Spandau ein bürgerliches Leben geführt hatte und erst 1833 nach Paris ging, um sich als berechtigter Thronerbe auszuweisen. Warum er so lange gewartet hatte, weiß man nicht. Man darf vermuten, daß er Grund hatte; seine beiden Oheime Ludwig XVIII. und Karl X. die-Brüder Ludwigs XVI. zu fürchten, da diese nicht die geringste Neigung bezeigten, ihren Neffen als echten König anzuerkennen und damit sich selbst als Usurpatoren zu kennzeichnen. Erst unter der Regierung des "Bürgerkönigs" Ludwig Philipp konnte sich wohl Naundorf gefahrlos nach Frankreich begeben. Er wurde von etwa zwanzig Personen, die den Knaben Ludwig gekannt hatten, als der echte Ludwig XVII. identifiziert, darunter von mehreren noch lebenden Ministern und Hofbeamten des hingerichteten Königpaars und vor allem von seiner alten Kinderfrau, Frau von Rambaud, die wiederholt bekundete, sie habe den ihr anvertraut gewesenen Prinzen an bestimmten Kennzeichen, insbesondere an einem – untrüglichen Muttermal und einer kleinen Narbe an der Lippe einwandfrei wiedererkannt. Die gesamte Familie aber weigerte sich, Naundorf zu prüfen, weil ihr die Sache in keiner Weise genehm war. Naundorf drängte darauf, daß auch ihm der Prozeß gemacht werde, um die Berechtigung seiner Ansprüche beweisen zu können. Sein Antrag wurde trotz Befürwortung durch hochangesehene Personen abgelehnt und er selbst als lästiger Ausländer aus Frankreich ausgewiesen. Er ging dann nach Holland, wo ihm sein Abstammungsnachweis gelang, und ist am 10. August 1845 in Delft gestorben. Seine Nachkommen führen bis auf den heutigen Tag den Titel bourbonischer Prinzen und Prinzessinnen. Ein Enkel lebt heute als angesehener Arzt in Deutschland. Er legt allerdings keinen Wert auf den Prinzentitel, ist Ausgebombter von Dresden und hat nach dem Kriege in München niedergelassen.