Von W. v. Tirpitz

Die alten Begriffe der internationalen Kreditgeschafft sind ins Wanken geraten. In den Vereinigten Staaten, dem großen. Gläubigerland der Erde, sieht man heute alle Varianten des Geldverleihens vertreten: von der staatlichen Leih- und Pachtlieferung à fonds perdu bis zu der verzinslichen und amortisierungspflichtigen Anleihe des alten Stils. Und mit nur wenigen Ausnahmen weist dieses umfassende System sogar ein einheitliches Gefälle auf: Je stärker die politischen Momente, besonders der Kampf gegen den Kommunismus, die wirtschaftlichen Interessen überlagern, um so eindeutiger treten der amerikanische Staat und seine Organe (Schatzamt und Export-Import-Bank) in den Vordergrund; je ruhiger und sicherer die innerpolitische Lage, des Geldnehmers beurteilt wird, am so stärker beherrschen Privatbanken und wirtschaftliche Methoden den Charakter des Geschäfts.

Die amerikanischeAnleihepolitik in den wichtigsten Ländern des Vorderen Orients, derTürkei und Iran, ist politisch bedingt und trägt deutlich gemeinsame Züge. Beide Staaten/sollen als Grenzwache gegen den Sowjetkommunismus militärisch Und wirtschaftlich stark gemacht werden. Die Türkei ist (zusammen mit Griechenland) Nutznießerin des Nah-Ost-Hilfegesetzes, für das der USA-Kongreß 400 Millionen Dollar bewilligt hat. Ihr Anteil hieran beträgt 150 Millionen Dollar, die ausschließlich militärischen Zwecken zugeführt werden sollen. Darüber hinaus sind früherbereits 140 Millionen Dollar fürden Ankauf amerikanischen Heeresmaterials und für zivile Zwecke ausgeschüttet worden, und etwa die gleiche Summe verspricht man sich in türkischen Kreisen von dem neuen Vorstoß Marshalls im Kongreß, in dem der General Anfang März das Haus aufforderte, wegen der "ernsthaften Gefahr" in Griechenland und der Türkei beidenLändern weitete 275 Millionen – Dollar zur Verfügung zu stellen.

Ebenso wie die Türkei, doch in geringerem Umlange, hat Iran militärische Unterstützung von den USA erfahren. Gegenwärtig schwebt eine Option auf 10 Millionen Dollar zwecks Ankauf amerikanischer Waffen. Abgesehen hiervon hat die USA-Regierung Iran vor kurzem bereits eine wirtschaftliche Anleihe von 20 Millionen Dollar gewährt. Doch es mehren sich die Stimmen, die wissen wollen, daß der amerikanische Dollarstrom in Kürze unvergleichlich reichhaltiger fließen oder aber ganz – versiegen wird. Es ist seit ein paar Wochen verdächtig ruhig auf der Persischen Landbrücke

Herrscht über die militärischen Maßnahmen fast allgemeine Zustimmung, so wird die rein wirtschaftlich orientierte Anleihepolitik der USA im Nahen Osten in Washington mancherorts kritisiert. Man sagt, die Türkei und Iran ständen auf einem – technisch noch zutiefen Niveau wie so häufig griffen diese Länder in ihrem industriellen Ehrgeiz zu hoch. Außerdem herrschten in beiden Staaten eine unendliche Reglementierung, zu hohe Steuern und Bestechlichkeit, die den dortigen amerikanischen Spezialisten, und Fachleuten das Leben schwer mache. Die Gefahr von Fehlinvestitionen sei vor-, banden und Vorsicht geboten.

Wesentlich anders, Reifen, sich, selbst diese Kritiker dem Fall des jüngsten Schützlings des amerikanischen Anleihegeschäfts gegenüber: Saudi-Arabien. Denn hier stehen vielversprechende Ölinteressen zur Diskussion. Die Export-Import-Bank hat erst vor einem halben Jahr eine Anleihe von 10 Millionen Dollar gewährt, deren Zinsendienst – um die religiösen Bedenken der strenggläubigen Moslems gegen Zinsen zu schonen – die Form eines Diskonts und Verpfändung der Ölausfuhrzölle während der Laufzeit der Anleihe angenommen hat. In Palästina erfreute sich bisher besonders der jüdische Teil der Gunst des USA-Kapitals.